Manchmal bleibt nur wenig Zeit
SIMON BAUR
Ihre Fotografien sind Bilder mit unspektakulären Motiven von eigentümlicher Sinnlichkeit.
Judith Ammann macht Bilder von Architektur - in Los Angeles; dort findet sie ihre Motive und das unvergleichliche Licht, das ihre Arbeiten auszeichnet. Es sind keine Fotografien von wichtigen Bauten und bekannten Architekten, sondern vorwiegend Bilder von unauffälligen Fassaden. Judith Ammann ist viel mit dem Auto unterwegs, legt grosse Distanzen zurück, auf der Suche nach einem Motiv. Hat sie eines gefunden, nimmt sie es von Hand, analog, auf. Manchmal bleibt ihr nur wenig Zeit, da sich das Licht dauernd verändert, die Schatten wandern. Bisweilen kehre sie zu einem Ort zurück, wenn sie glaube, ein anderes Licht vorzufinden. So vergeht Zeit, bis das Motiv sein Bild bekommt. Ein Knochenjob, denn Judith Ammann liebt Präzision und Akribie: Hitze im Sommer, die das Auto zum Backofen macht, die Konzentration im Verkehr, unbequeme Situationen, einsam. Und plötzlich, aus dem Nichts heraus ist es der Zufall, der ihr etwas zeigt, die Situation, nach der sie lange gesucht, die sie sich vorgestellt hat: ein roter Stern mit weissem Rand an einer militärgrün gestrichenen Wand, oder eine funktionslose Anzeigetafel mit den Abdrücken der Grossbuchstaben «BOWL» und «I love you».
ÜBERRESTE. Die Motive von Judith Ammann sind unspektakulär, sie zu finden erfordert ein geschultes Auge. Die Künstlerin verweist auf ihre Ausbildung als Grafikerin, auf das Interesse für alle möglichen Arten von Schriften, für Zeichen, Graffiti, für Einfachheit der Motive, für Farbnuancen, für die Überreste menschlicher Anwesenheit. AUSSCHNITT. Die Bilder zeigen ein Lebensgefühl, eine spezielle Art von Sinnlichkeit, die auch das komplexe Feld des Eros und der Melancholie miteinbeziehen. Judith Ammann bearbeitet die Aufnahmen am Computer, wie lang und wie viel mag sie nicht sagen, es gehe ihr um ein Bild, nicht um ein Abbild. Nicht die Verifizierbarkeit einer Situation interessiert sie, es geht um das, was zu sehen ist. Und deswegen ist auch der Ausschnitt so wichtig, den sie immer wieder austariert, oft wochenlang, weil er das Motiv erst zum Bild macht. Bilder, die keine Beiläufigkeit, keinen Zufall, die Konzentration erfordern und die ein anderes Leben zeigen.
> Galerie Karin Sutter, Basel, St. Alban-Vorstadt 10. Bis 28. April, Mi 17-19, Do 14-19, Fr 14-18.30, Sa 11-16 Uhr. www.galeriekarinsutter.ch
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