GENEVIEVE MORIN, La Saveur du Regard

29. Februar – 6. April 2008
Text: Simon Baur

Mit den Augen reisen


Annähernd surreal und traumartig wirken die Bilder von Geneviève Morin. Den Verästelungen und Linien entlang schweifend, entdeckt man einen brütenden Vogel, eine versteckte Eule, man findet ein buntes Baumhaus oder fragt sich, welche Bedeutung der kleinen Gestalt zukommt – eine Art Kindfrau - die im kahlen Geäst der Baumkrone ein wärmendes Feuerchen entfacht.
Fast unmerklich wechselt das Auge vom ornamentalen Spiel zur Figur, von Ferne zu Nähe, von Tier zu Mensch und begibt sich auf eine Reise, die mit unerwarteten Blickwechseln und Metamorphosen lockt. Feste Zuordnungen lösen sich gleichsam während der Bildbetrachtung auf. Übergänge und Schwellen als auch abrupte Brüche und Umkehrungen zeichnen die Seherfahrung aus, die gelegentlich die Ausrichtung von oben und unten in ihr Gegenteil verkehrt – ein bewölkter Himmel oder doch nur seine Spiegelung auf der glatten Wasseroberfläche?

Geneviève Morin schöpft aus einem reichen Bildarchiv, das ihr als Ausgangslage für das Malen dient. Manchmal sind es gesammelte Bilder aus Zeitschriften oder fotografierte Details und Ausschnitte von täglich gesammelten Augenblicken, die von der Künstlerin in Collagen versuchsweise zusammengeführt werden. Genau so gut kann aber auch eine spontan entstandene Figur eines Aquarells, einer Tuschezeichnung oder eine Erinnerung an einen Traum als Bildidee einfliessen.
„Das Format des Bildes ist wichtig“, sagt Geneviève Morin. Gerade die grosse Leinwand erlaubt es ihr, in einer gewissen Freiheit Bildideen umzusetzen, gleichsam in den Prozess des Bildens einzutauchen. Der Farbauftrag variiert dabei von flüssig tropfend bis haptisch und vermag in dieser Spannbreite einen assoziativen Prozess auszulösen, der zwischen Abbild und Materialität changierend ein Stück weit sich selbst überlassen wird. Die Verwendung von so unterschiedlichen Malfarben wie Ölfarbe und Spray erzeugt eine Reibungsfläche, die je nach Bespannung mit Jute, Baumwolle oder Leinen unterschiedlich ausfällt und dem Bild eine eigenwillige Leuchtkraft und Struktur verleiht.

In den mittleren Bildformaten ist die Symbolsprache stärker ausgeprägt und erinnert an Szenen einzelner Traumsequenzen. Umgebung und Figur sind dabei oft in ein Spannungsverhältnis gesetzt: Fast schwerelos erscheint ein sich über Wasser haltender Elefant, geborgen räkeln sich Affen über einem haltlosen Grund; ein Eisbär drängt sich mit kurzen Pinselstrichen gegen die Bildfläche – an die Grenzlinie seiner Auflösung und Erschaffung in Malerei. Es sind Tiere, die einen eindringlich fixieren und unter dem eigenen Blick fast menschlich antworten.
In den Bildern der 80er und frühen 90er Jahre sind die Tiere Begleiter von Menschengruppen, die sich in ausgeschmückten Interieurs drängen und mit ihren gemusterten Kleidern und maskenhaften Gesichtern zeitweise auch an Charakteren des Malers James Ensor erinnern. In den späteren Bildern beanspruchen die Tiere hingegen einen grösseren Stellenwert: das Tier tritt gleichsam an die Stelle des Menschen, wird zu seiner verkleidenden und expressiven Maske.

Bei Geneviève Morin ist die Leinwand ein Ort des Begegnens und Auseinanderdriftens. Sie ist ein Ort von Möglichkeiten und von Gegensätzen, die sichtbar bleiben, um ein Spannungsfeld zu erzeugen, in dem sich eine heterogene Bildwelt entfalten und affektiv wirken kann. So heisst auch der Titel eines Bildes Nuit blanche - was übersetzt so viel bedeutet wie eine schlaflose oder durchgemachte Nacht. Sinnbildlich mag die „weisse Nacht“ die Leinwand benennen, wo sich innere und äussere Bilder verschränken oder sie lässt sich schlicht als Einladung an den Betrachter verstehen, mit offenen Augen zu träumen.


GENEVIEVE MORIN, In My Place, Malerei

Galerie Karin Sutter. 22.04. - 04.06. 2005
Text: von Katharina Dunst

Grosse Formate wählt Geneviève Morin für ihre Öl auf Leinwand veranstalteten imaginären Topografien. Es sind Landschaften, die sich auf dem Grat zwischen Innerlichkeit und Auesserlichkeit bewegen; organische Formen verraten ihre Herkunft nicht definitiv, es ist nicht klar, ob es sich um die Welt vor oder hinter der Retina handelt. So sind es denn auch Augen, die aus der Bildfläche schauen und diese Schnittstelle markiere, sie nehmen äussere Reize auf, spiegeln sie nach innen; was bewegt wird bewegt, wird gemischt mit tieferliegenden Restschichten, verwandelt und über die malende Hand, in verarbeiteter Form wieder nach aussen gebracht. Die Farbe wird als Material, nicht nur als Medium behandelt; das öffnet die Oberflächen und erzeugt eine raumgreifende Wirkung. Häufig ist es denn auch das Spiel mit Oberflächen und Texturen, das die Malerin inhaltlich thematisiert.
Einerseits wird diese Art der Malerei somit fast haptisch erfahrbar und zieht einen anderseits in einen emotionalen Schmelztiegel. Die rezipierenden Augen werden ganz körperlich, es geht rauf und runter in diesen Bildern, es gibt heftige Gewitter, es gibt Erscheinungen aus tieferliegende Schichten und was sich nach der imaginären Wanderung erhält ist etwas tiefst menschliches, ist das malende Aufzeigen der menschlichen Bedingtheit zwischen Körper und Geist, zwischen dem Selbst und dem Andern.





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