ANITA HEDE, Malerei


Galerie Karin Sutter.
12.04. - 17.05. 2008
Text: Simon Baur


Man könnte über ganz verschiedene Aspekte im Werk von Anita Hede sprechen, begegnete einem die Malerei als Materialisation von Farbe nicht in derart spannungsreicher Intensität. Sich mit der Farbe zu beschäftigen, ist kein einfaches Unterfangen und dennoch ein herausfordernder Genuss, dem sich kaum jemand entziehen kann.

Da gibt es ein kleines Bild, ein kahler Baum, der seine Äste gegen den Himmel streckt, mehr nicht. Doch betrachte man die Äste, erinnern sie nicht an die Bäume von Van Gogh oder die frühen Bilder von Mondrian, ist es nicht ein existentielles Strecken und Sehnen, dass sich in diesem wachsenden Holz manifestiert? Und wie dies durch die unterschiedlichen roten und orangen Farbnuancen, die jeweils nur fast braun sind, gesteigert wird.

Oder der Hase zwischen den Buchstaben, der auch von seiner Komposition her ein Fest für die Augen ist. Die Buchstabenfragmente aus dem Mädchennamen «Lou» gebildet, die wie eine Klammer Meister Lampe umgeben, er selbst wie ein verwaschener Plüschhase, in schmutzigen Grautönen, die Buchstaben gegen grauschwarz tendierend, dezente Abstufungen, die das Bild mit ambivalenter Spannung aufladen. Nicht so sehr das Motiv, die Farbe ist für den Nervenkitzel verantwortlich, so wie es im Thriller meist mehr die Musik ist, als die bewegten Bilder. Man beachte besonders, was unter den Formen liegt, ist es nicht ein übermaltes Bild mit Siebdrucken, mit gelben und orangen Nuancen, ein darunter liegendes Bild, das seine Idenität nicht verraten will.

Und wiederum ein kleines Bild, der Körper eines Jungen, in schemenhaften grünen Linien angedeutet, als Unter- oder Hintergrund grünweisse Linien, in unregelmässigen Balken, sie hauchen dieser Person Leben ein, setzen ihn in Bewegung, provozieren eine Stimmung, die zwischen Aufbruch und Melancholie ossziliert.
Schliesslich das Kleeblatt, dass wenn ich es recht bedenke mit der Szene am Pool ein Diptychon bildet. Dieses grüne Glückszeichen, dass die Landschaft auflöst, weil die Grössenverhältnisse durcheinander geraten. Der Stengel, der aus dem Untergrund hervorbricht, diese Energie wie bei «Tag», «Empfinden» und «Aufgehen im Al»l bei Ferdinand Hodler: Mikro- und Makokosmos in einem. Doch lese man die Arbeit doch mal wie eine Landkarte, der grüne Halm, der in den unregelmässigen Blättern aufgeht, ein Grün, das mit Grautönen durchsetzt, und mit schwarzer Farbe unterlegt ist. Ein Konturlinie, die zuerst rot ist und sich gegen rechts unten in ein Gelb aufspaltet. Der dreiteilige Hintergrund schliesslich, der weisse Streifen, der an einen verwaschenen Kiesbelag erinnert, der grüne Streifen, der das Grün des Kleeblattes verallgemeinert, ins Unendliche auflöst und schliesslich dieser Himmel, in seinen weissen und violetten Wolken, der ein frühlingshaftes Gewitter anzukündigen scheint. Der Himmel bei Turner ist manchmal so, auch in den Nordseelandschaften von Emil Nolde. Und in allen drei horizontalen Streifen sind die Farben der gesamten Bildkomposition enthalten, variieren, verbinden sich zu einem in sich geschlossenen Bild, dem auch das nebelhafte Wesen, das sich rechts vom Kleeblatt findet, nichts anhaben kann.

Und noch die Poolszenerie, die trotz dem Fehlen von menschlicher Staffage Leben ausströmt, vermutlich wegen den unterschiedlichen Perspektiven. Die einzelnen Gitterstäbe, etwas Wasser, die Kombination von Blau, Weiss und Braun, die sich verwischen, eine geschlossene Struktur bilden und doch in jeder Sekunde auseinander fallen können. Nie ist eine Farbe rein aufgetragen, immer sind es Verwischungen, man beobachte das hölzerne Geländer, was alles in ihm enthalten ist, wie sich das Holz durch Witterungseinflüsse aufzulösen beginnt.

In der Malerei von Anita Hede bezaubert die Farbe das Motiv. Sie wird zum Beton, zu den Backsteinen, den Ziegeln, dem Verputz eines Hauses, das selbstverständlich auch von seinen Verhältnissen und seinen Formen lebt. Die Farbe ist es, welche die Geschichten erzählt, den Formen vormacht, welche Rolle sie zu spielen haben, sich transformiert, multiplziert, travestiert und bei all dem immer auch ihre Eigenständigkeit behält.
BAZ_Hede

ANITA HEDE, Malerei

Galerie Karin Sutter. 26.11. 2004 – 7.12. 2005
Text: Claudia Pantellini

Wer bei den rund 30 Zeichnungen von Anita Hede nach übereinstimmenden Merkmalen sucht, wird es schwer haben: gerade das Nebeneinander von figürlichen Motiven und abstrakten Elementen, die Verwendung verschiedener Medien, der pastose und aber auch lasierende Farbauftrag schaffen Unikate. Das Bildformat bleibt sich stets gleich wie auch alle diese “Zeichnungen” sehr elaboriert und keinesfalls skizzenhaft erscheinen: sie sind Malerei in Miniatur und stehen gleichwertig neben den grossen Bildern Anita Hedes. Nun ist das Wort Miniatur insofern mit Vorsicht zu verwenden, als dass sich damit sofort etwas Verniedlichendes verbindet, eine gebrauchsfertige Malerei, in der Regel von Frauenhand geschaffen und weit von “richtiger” Malerei entfernt. Tatsächlich mögen einige der Motive in den Werken Hedes zunächst auch naiv erscheinen: blumig die Blüten, exotisch die Tiere. Allerdings sind diese figürlichen Motive kontrastreich in einen präzise komponierten, abstrakten Bildraum gesetzt – dadurch entsteht eine Spannung, die von der Malerin in Absicht und nicht ohne Raffinesse erzeugt wird. Das Erkennbare – neben Blumen und Tieren auch ein Stück Seife und anderes - wirft die 1949 in Finnland geborenen Anita Hede wie einen Angelhaken aus, und schnappt der Betrachter, die Betrachterin erst mal zu, wird er oder sie in tiefere Lagen gezogen, wo das Erkennbare nur ein vordergründig Identifizierbares ist und ganz andere Formen der Wahrnehmung Oberhand gewinnen. Anita Hede, seit 1970 in Basel, geschult in der Malfachklasse von Franz Fedier, spricht von Eindrücken, die sie in ihren Bildern verarbeitet. Sie sind in diesem Sinne Notizen, ein visuelles Tagebuch ihres Alltages. Auch dies ist ein verfängliches Diktum und erinnert an den Topos der Malerei, in der sich einfach so die Erfahrungen niederschlagen. Die Sprache wertet und bewertet hier, was der Malerei ganz selbstverständlich eigen ist: Mit offenen Sinnen muss die Welt erfahren werden, gewiss, und Bildideen entstehen aus dem Augenblick, die Umsetzung in grosse oder kleine Formate aber erfordert eine höchst artikulierte, eben künstliche und keinesfalls spontane Niederschrift des Erfahrenen. Das “Zufällige” oder “Unbewusste”, geht immer Hand in Hand mit einer analytischen Umsetzung im malerischen Prozess. Dabei wird das Gesehene von Anita Hede keineswegs einfach abgebildet: verschiedene, ungleichzeitige Eindrücke verdichten sich zu einer Darstellungsform, die wiederum ganz andere Assoziationen auslösen kann – bei der Malerin selbst wie auch beim Betrachter, der Betrachterin. Ein Schemel wird durch Schienen an seinen zwei Beinen zu einem surrealistisch anmutenden und sehr wackeligen Objekt; angeschnittene Buchstaben werden zu einem ornamentalen Rahmen. Die Bilder Anita Hedes erzählen Geschichten, die sich allerdings nicht aus einem manifesten Inhalt ergeben, sondern aus dem kreativen Prozess Diese Verschiebungen oder Transformationen vom real Gesehen oder natürlichen Referenten zum poetisch überformten Bild lotet Anita Hede immer wieder neu aus. An den grossformatigen Bildern Hedes (entweder in Hoch- oder Querformat, aber immer mit den Massen 120 x 180 cm) lassen sich die gleichen Vorgänge noch augenfälliger beobachten, wiewohl sie keine Maximierungen der kleinen Formate sind. Eine pflanzenartige Linie etwa wird nicht nur dargestellt, sie rhythmisiert gleichsam als kompositorisches Element die Bildfläche. Abstraktion und figurative Darstellung verschmelzen in eins. Wo wiederum Sprache einen Gegensatz zwischen diesen beiden – Abstraktion und Figuration - behauptet, eint die Malerei Anita Hedes die beiden Pole. Sie tut dies auf gänzlich unprätentiöse und umso eindrücklichere Weise – vor jedem Bild zählt letztlich zählt nur das Gesehene, Erfahrene, Ermalte und nicht, was die Sprache darüber sagt.
Baz Hede 2.11.04
Programm Zeitung / November 2004, Seite 21


Neue Galerie
db. Während über dreissig Jahren beherbergte das Lokal die Fotogalerie von Anita Neugebauer, nun wird es neu genutzt. Allerdings bleibt der 35 Quadratmeter kleine Raum der Kunst erhalten: Ende November eröffnet Karin Sutter dort ihre gleichnamige Galerie. Die Basler Kunsthistorikerin mit langjähriger Galerienerfahrung (u.a. bei Beyeler), Mitorganisatorin der Art Basel und ausgebildete Kulturmanagerin will mit ca. acht Ausstellungen pro Jahr zeitgenössische Kunst aller Sparten zeigen und dazu Originalgrafiken, Editionen, Multiples, Fotografien zu erschwinglichen Preisen anbieten. Für die Zukunft strebt Sutter Kooperationen mit andern Galerien und Institutionen sowie Zwischennutzungen an. Ihre erste Ausstellung widmet sie der in Basel lebenden Künstlerin Anita Hede, von der sie vorwiegend kleinformatige Malerei zeigt.
Ausstellung Anita Hede: Fr 26.11., 17.00 (Vernissage) bis Fr 7.1.05, Galerie Karin Sutter, St. Alban-Vorstadt 10, T 061 271 88 51.
Mi und Fr 14.00–18.30, Do 14.00–20.00, Sa 11.00–17.00

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