Projekt Tokyo-Fish


Text: Marc Latzel

Zuerst die Erleichterung, in der Fischabteilung des Supermarkts in Tokio endlich etwas Erkennbares zu entdecken, zwischen regalweise rätselhaften, interessant verpackten, aber japanisch angeschriebenen Produkten. Dazu kommt rasch die ästhetische Faszination: Fische, Meerestiere, einzeln oder in Gruppen liegen als Porträts ihrer selbst in farblich abgestimmten Styroporschalen. So werden die Tiere zur abstrakten Form, und der Kontrast des Hintergrunds zu den irisierenden Farben der Fischhaut, zum klaren Violett oder Hellrot der Sepia und Crevetten beeindruckt unmittelbar. MIt dem Computer aus dem Zusammenhang ihrer Umgebung gelöst potenzieren die Bilder durch ihre Grösse und Detailschärfe diesen Abstraktionseffekt noch.

Die strenge Anordnung der Meerestiere, die aseptischen weissen Styroporschalen, die Vollplastikverpackung signalisieren Keimfreiheit - eine Notwendigkeit bei rohem Fisch, einem wichtigen Nahrungsmittel in der japanischen Küche – gleichzeitig aber ein Versprechen, das in herbem Kontrast zu den täglichen Meldungen über bakteriell oder sonstwie verseuchte Lebensmittel steht. Die Präsentation rückt den Inhalt weit weg von seinem animalischen Ursprung in die Künstlichkeit - eine Vorwegnahme des Genfoods? Die Fische und Meeresfrüchte in ihren Kunststoffhüllen, geschmückt mit farblich assortierten Etiketten, mit Petersilie, künstlichem Seegras oder Wasabibeutelchen erinnern daran, dass es sich bei den Produkten um Convenience-Food handelt. Die abgepackten Fische im Tokioter Supermarkt als Metapher für ein modernes schnelles Leben nicht nur in Japan? Jedenfalls irritierend und ästhetisch anregend.

galerie/contemporary art/basel/karin sutter