Wolke steht im Auge – Ute Schendel und Rut Himmelsbach
30. April – 20 Juni 2009
Text: Simon Baur
Wieder über Bilder schreiben, die sich einer Beschreibung widersetzen, über Bilder schreiben, die zuerst stundenlange Aufzählungen erfordern, Analysen über die zu sehenden Objekte, ähnlich den Kinderbüchern über die Stadt, den Bauernhof, das Kaufhaus, wo es taufende von Sachen zu erkennen gibt, eine strickende Oma hinter dem Fenster, ein alter Hufnagel oder eine müde Ratte. Bilder, die an Sittengemälde erinnern, an Historienbilder, wo die Eidgenossen mit Knüppel, Äxten und Hellebarden gegen die Kavallerie Karl des Kühnen zu Felde ziehen und die wie ein Memento mori auf die unermessliche menschliche Kreativität funktionieren. Bilder, denen diese Erklärungsversuche, dieses Antippen von Möglichkeiten vollkommen egal ist, auf denen eine Kaffeekanne heute genauso leer ist, wie in zehn Jahren und der eingestellte Ast noch immer kein Grün zeigt. Das klingt irgendwie nach Melancholie und ist es auch – erinnert an eine Landschaft kurz vor dem Einnachten, vielleicht auch an ein zerfallenes Haus, eine einstürzende Bruchsteinmauer und gegen all diese Vorschläge hätten die Künstlerinnen, sei es nun Rut Himmelsbach oder Ute Schendel, nichts einzuwenden.
Die Bilder von Ute Schendel, strahlen, auch wenn es Farbaufnahmen sind, keine Fröhlichkeit aus. Die Stimmung erinnert an einen nebligen Oktobertag, an dem die Zeit still zu stehen scheint. Und an dem man an Angelus Silesius und sein „Mensch werde wesentlich; denn wenn die Welt vergeht, so fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht“ denkt. Wer hier an Melancholie denkt, liegt gar nicht so falsch. Immerhin ist sie auch für die Kreativität verantwortlich. Denn ohne Weltschmerz keine Selbstkritik, und ohne diese keine Kunst.
Ute Schendel hat Situationen in der Wohnung von Rut Himmelsbach fotografiert. Eine Wohnung, in der das produktive Chaos einer Stadt zu liegen scheint, ein Fundus, der wie Ebbe und Flut, jeden Tag sich verändert, Dinge verschwinden, Neue kommen hinzu. Eine Unordnung ist es nicht, jedes Ding hat seinen ihm zugewiesenen Ort, der sich zwar verändert, die Sachen bleiben aber auffindbar. Ein Archiv vielleicht, eine Bibliothek, am Besten ein ganz persönliches Portrait von Rut Himmelsbach, wie ein Gesicht, eine Landschaft oder eine Architektur. Es ist vielleicht die fünfte Wohnung, die Ute Schendel fotografiert und jeweils hängt in der Ausstellung ein Kinderportrait der Wohnungsinhaberin. Hier ein bleiches Foto vom fröhlichen Rutli. Viel Blau ist in den Bildern zusehen, kein blaues Klavier, immerhin ein blauer Cellokasten. Aufgenommen in einer blauen Stunde, wer weiss, eine gute Metapher immerhin für die Arbeiten der Ausstellung.
Die Arbeit von Rut Himmelsbach, diese etwas verschrobene Installation zu sehen, ein Tümpel, eine Wasserlache (eher die Quelle vom Himmelsbach), mit ganz vielen Sachen drin: eine Fotokamera, eine Petflasche, eine Seemine, abgeschlagene Köpfe, kurz: zahlreiches Seegetier unter Wellenschlag. Darum herum Platten, wie japanische Gelehrtensteine, die einen Vulkankrater suggerieren, vielleicht auch zwei runtergeklappte Tunneleinfahrten, ein loko-motivischer Rorschachtest, der an Dürrenmatts Tunnel erinnert, irgendwo zwischen Konolfingen und Durcheinandertal, der direkt in die ewigen Jagdgründe führt. Der Wellenschlag innerhalb des Kraters harmonisiert, lässt alles gleich erscheinen, hinab in den Krater, sieht man in die Unterwelt, dort wo Zerberus in seiner Hütte hockt, dort wo die anderen Leben wohnen. Vor Jahren wurden Rut Himmelsbach Arbeiten mit Tarkowskijs Stalker verglichen. Und immer noch haben sie dieses Unheimliche, das doch jeden Augenblick so vertraut wirkt, weil es unserem eigenen Gedächtnis entspringt, eine Koproduktion der letzten Sekunden und des Langzeitgedächtnis.
Wieder über Bilder schreiben, die nicht sprechen wollen, über Bilder schreiben, die keine Antworten geben, die schweigen, auch wenn die Kunsthistoriker weiterfragen, die einem schelmisch zuzwinkern, einem ein Lächeln schenken oder einen wohligen Duft einer längst verblühten Amaryllis.
Kleiner Saaltext
Birgit Kempker6. Kaptitel REDE
„reden“ steht nass auf Häuschenpapier links vor dem Eingang in kleinen blauen Buchstaben mit dem Gesicht nach unten auf der Strasse. Ich hebe das Papier auf und sehe dabei schräg nach oben. „Open“ steht auf dem Schild auf der Tür. Sie ist geschlossen. Ich stehe vor der Galerie von Karin Sutter und schaue durch die Scheibe die Bilder an. Fotos von Ute von Anordnungen von Rut, in ihrer Wohnung, ohne Absicht, von Ute aufgenommen zu werden, zustande gekommen durch das Leben einkassiert. Ich habe das Stichwort aufgehoben. (Zeigt es)
Menschen finden Zeichen, sogar vor Türen wenn sie Fragen haben und nicht durch die Tür kommen, um sie zu stellen, oder zu erkennen, auch ohne Fragen, andere lassen welche fallen, das ganze heisst Welt, der Rest ist wie sich Neurologie Neurologie vorstellt.
Es gibt Gott. Gäbe es Gott nicht, gäbe es kein Bild. Bild ist Vorsatz und Ausführung von Seinszusammenhangsplan, Horror überführt in Kulturleistung. Die Strecke zwischen Anfang und Ende mit selbst gebauten Brücken, Anfängen und Enden überbrücken, als gäbe es angeordnete Anordnungen nicht, nur die Pflicht zum verdammten Selbst. Oder Gott.
Was wiederholt werden kann, wird geholt, was geholt wird, immer wieder, stirbt anders und sammelt sich gegen sein Verschwinden an und schwillt, schwellt, schwelt, wuchert, überschwemmt, unterspült, hintergeht, schimmelt, unterläuft, bricht durch, tröpfelt ein, durchbricht, schichtet, kumuliert, sickert, sackt, Ticketacke Zickezacke, Tropfen für Tropfen Surrogate saugen Sachen an. Sammeln, Sammelwut, Ordnen, Ordnungswut, Putzsucht plus guter alter Horror vacui, die Natur schreckt zurück vor leeren Räumen und saugt Materie an, Gas oder Flüssigkeiten, Papier oder Blech und Metall, grosse Angst vor dem Tod und grössere Angst, das Falsche besessen zu haben, auf dem Falschen als deshalb Falsche gesessen zu haben, als falscher Hase einem falschen Hasen gegenüber sich behauptet haben zu wollen mit falschem Mond und falschem Horizont, nicht mal ein Pferd, nur ein Pferdeschwanz hinter den Natopapieren, überhaupt daneben gegangen zu sein auf falschen Erbsen falsche blaue Flecken im falschen Moment am falschen Fleck für den falschen Liebsten der falsche richtige Beweis zu sein. Deshalb lieber viele Schauplätze, maximale Verwirrung und liebevolle Zuordnungsaufforderung, sofortiger Rückzug bei Zugriff, doch Fotos ja, auch Pflanzen, Tannennadeln adeln den Teppich. Glas unterbricht die Natur. Alles Theater. Alles Szene. Alles Unsinn. Alles Nähtisch fürs allzu Nackte eine Behausung zimmern. Alles zwischen den Augen gesehen und geschehen und in den Bildvorsatz geschoben, den eine Andere hinschiebt und aufhängt, als Bild. Als Kontrollvorschlag. Nagelt. Hinter Glas. Als kleine Einheit Glück.
1- Es gibt keine Unordnung im Bild. Unordnung ist gratis, Bild ist nicht gratis, Bild bildet sich nicht von selbst, keine Entropie bildet Bilder, jemand, ein eigenes Selbst kommt und baut ein Bild und behauptet sich und das Behauptete dadurch und setzt die Sache in die Permanenz. Penetranz? Aufs Papier hier. Und Patina? Hauch von Ewigkeit. Preise. Pest. Gold. Barren und Ratte. Der Kreislauf der Waren will wie Freiheit aussehen, so ein Dummerchen.
2- Es gibt keine Unordnung im Bild. Und keinen Unsinn. Bild ist Sinn pur und per se. Das ist der Unterschied zum Satz. Vielleicht aber auch nicht. Es ist der Unterschied zum Leben. Es ist auch der Unterschied zu einem Stück Leben in einer Wohnung. Wobei ein Stück Bild ein Stück Leben in einer Wohnung sein kann. Es ist der Unterschied zum Raum, in dem Objekte sind, die immer in ein Bild passen würden, setzte sie jemand in dieses Bild und benennt es damit. Ute setzt als Name Rut ins Bild wie Rut Ute. Egal was sie tun, sie sind es schon. Das Bild begrenzt und autorisiert diese Grenzen. Inthronisiert sie. Erotisiert ist die Grenze durch Mischung von Autorschaften. Wer es sieht, der hat es. Wer es kauft, der sieht es. Wer es hinstellt, der hat es sehen lassen. Wer wen, wer es sieht, einlässt, hat den Auftrag gegeben. Der Auftraggeber ist nicht der Bildgeber. Der Sammler nicht die Sammlung, doch können Sammler gesammelt werden in Bildern, Serien, Listen. Hat der Auftraggeber das Bild des Bildsetzens ins Bild gesetzt, vielleicht schon im zu Bildenden angelegt in der Unordnung der häuslichen Angelegenheiten wie Rut, dann ist sie der wenn auch heimliche Boss der Bildangelegenheit. Es geht um Macht. Es geht um Verfügung. Wer schneidet aus. Wer definiert die Ränder. Wer sagt wo etwas und wo nichts ist und sein soll, was es kosten wird. Es geht um Gewalt und Ohnmacht und inszenierte Verantwortungslosigkeit. Es geht ums Eintauchen ins Vertauschen der Perspektiven. Es geht ums Visionieren, Sezieren, kidnappen.
Pars pro toto. Jeder Teil fürs Ganze. Mit jedem Teil Anteil am Ganzen. Je mehr Anteile je mehr Ganzheiten. Das ist kindlicher Sündenfalltrugschuss. Ein Teil ist genug. Wer den Teil fürs Ganze nimmt und das Ganze nicht will, ist ein Fetischist wie jeder ein Fetischist ist. Wer den Teil fürs Ganze nimmt und das Ganze auch, ist ja als Teil vom Ganzen sowieso eingeschlossen, von was er sich ausgeschlossen sieht und es deshalb um sich herum ansammelt. Wer sich verlieren will, sollte Listen haben von Teilen, die zu verlieren sind. Auch Verlieren geht der Reihe nach. Dann die Listen. Zum Schluss die Leitern und Hilfswerkzeuge. Friedhofstechnisch ist die Pars pro toto Sitte eine Beigabensitte, ins Grab wird das Zaumzeug und nicht das Pferd gelegt, der Schlüssel, nicht das Schloss. Ist das Abbild das Zaumzeug und der abgebildete Quadratmeter in Ruts Wohnung das Pferd? Will Rut das Pferd nicht ins Grab legen und bestellt deshalb Ute? Doch Ute hat ihren eigenen Sinn mit dem Bildding. Jetzt lese das Kapital. Oder kürze ab: do ut des: Ich gebe, damit du gibst. Oder: Quid pro quo? Was für wen, oder: Qui proquo: wer für wen.
3- Es gibt keine Unordnung im Bild. Es gibt keine unordentliche Betrachtung. Es gibt nur Staubsauger und Grenzen. Ute, althochdeutsch: ot= der Besitz, der Reichtum, das Erbe, männliche Form ist: Otto. Ruth hebräisch, rea= der Freund, der Nachbar, in der Bibel ist Ruth Urgrossmutter von König David.
Belagerung, Eroberung, Benennung, Annektierung, Konservierung, Einheiraten, Zugehörigkeit, Parallelität und Fotos. Es geht um Räume. Die Anordnung der Räume. Oberhoheitsabklärung. Es geht um die Funde, die Ute bei Rut macht. Ute als Jägerin im Sammelsurium. Doch die Sammlerin bestellt die Jägerin. Sammelt Rut Jägerinnen? Ute also ordnet Rut ins Bild. Sie ortet Ruts Bildbauten und legt sie flach. Säuberlich und adäquat. Sie rutet sich durch Ruts Gestrüpp und wird Sinn, im besten Sinn Schönheit dabei herausschlagen. Die Unordnung wäre das, was ausserhalb des Bildes und sei es dicht am Rahmen, Alarm schlägt, haltlos herumpixelt, Hilfe, hier geht das Schiff unter, der Kapitän ist nicht in Sicht und er hat auch keine, die Augen sind verklebt.
4- Es gibt keine Unordnung im Bild. Es gibt Vibrationen. Einzelschwingungen und doch Gemeinschaftsbelichtung. Mehrstrahlperspektivangebot.
5- Es gibt keine Unordnung im Bild. Die Tinte trinken, den Bass essen, das Telefon backen, die Tassen zum Telefonieren benutzen, mit dem Rechner die Pflanzen düngen, die Zweige als Hirnfortsatz denken, das Wasser im Fenster kochen, die weissen Vorhänge als Leichentuch schon mal einweichen ins Gedächtnis, das vorausgreift, die Würmer schon riechen, die das Fleisch beackern, die dieses Feld hier, auf dem Glastisch bestellten, die Mumie sehen und dem Feuer ausweichen, weil Asche, Urne, Regen, Segen warten sollen, solange der Waschlappen noch auf der Heizung liegt in einem anderen Bild die Wurzeln über der Badewanne die Pflanze unterdenken, heisst: diesem Bild Rechnung schenken, es gibt kein Bild gratis. Macht ein Bild denn Schulden? Zinsen? Das Kapital lesen.
6 – Sehen, wie mit zunehmender Vertrautheit mit einer Gruppe von Objekten die Wahrnehmung schneller wird.
7 – Sehen, dass die Wahrnehmung der entscheidenden Teile eines Objekts zu seiner Identifikation genügen, und die Entscheidung bestimmt, auch keine.
8- Ausblick: Zwei Hasen sitzen sich gegenüber hinter Natopapieren unter
gebügeltem Halbmond an der Schraubzwinge, der eine mit wundem Maul und wunden Pfoten, der andere jung und rund incognito, der Wand wächst ein Pferdeschwanz, das Umhäkeln des Holzes schont die Schultern des Kleides, die Schonung bleibt zärtlich als Mondhof ums Bild.