Irina Polin, Almost Black and White

Galerie Karin Sutter. 05.09. - 17.10.2009
Text: Simon Baur

Schwarz und weiss bezeichnen keine Farben, sie beschreiben einen Kontrast, bisweilen auch einen Zustand. Schwarz und Weiss ist ein Konglomerat aus allen Farben zusammen, sie verweigern sich den Farben, daher kommt vermutlich auch der Ausspruch man solle etwas nicht bloss schwarz oder weiss beurteilen und deshalb ist dem Titel der Ausstellung von Irina Polin auch das Vorwort almost, also fast oder beinahe beigestellt. Und weil Black und White eigentlich nur Zwitter und in diesem Fall fast nichts sind, liegt die Betonung umso mehr auf Almost. Es soll hier keineswegs um ein Spiel mit einem Titel gehen, doch der Titel ist wichtig, da sich über ihn ein grosser Teil jener Logik erschliesst, wie sie in der Galerie Karin Sutter momentan anzutreffen ist. Diese spezifische Art des Denkens ist in der Galerie in mindestens drei Teilen formuliert: in den Arbeiten auf Balsaholz, den Fotografien und in der Seherfahrung der Besucher, Käufer, Sammler und Kunstinteressierten.

Die Portraits malt Irina Polin mit Kugelschreiber oder in Tusche auf hauchdünnes Holz, wobei eine minimale Verwendung von Wasser den Ausgang einer Komposition unvorhersehbar macht, weil dadurch die Linien zu fliessen beginnen, sich wie Salzkristalle ausbreiten und die Flächen unterschiedliche Dichten annehmen. Irina Polin vergleicht ihre Arbeitsweise nicht zu Unrecht mit der einer Kalligraphin, die ihre Bilder mit einem Atemzug, sozusagen in wenigen Herzschlägen malt. Was schliesslich auf dem Holzblatt zu sehen ist, geht über ein eigentliches Portrait hinaus, die Stimmung ist massgebend, die durch die wiedergegebene Situation erzeugt wird.

Auch bei den Fotoarbeiten geht es um dieses Erzeugen eines stimmungsvollen Zustandes. Was in der Vitrine, auf den Glasgestellen aufgeschichtet, eingelagert, zu pyramidalen Strukturen und Konglomeraten konstruiert wird, besteht aus zahlreichen Einzelteilen, an denen sich sehr subjektive Erinnerungsfetzen der Künstlerin knüpfen. Die Vitrine evoziert ein Aquarium oder den gläsernen Sarg von Schneewittchen, indem die fast toten Objekte zu erkennen sind, die nur durch die eigenen Gedankenassoziationen zum Leben erweckt werden, und sich damit in einem Zwischenbereich bewegen, also fast oder beinahe Weiss oder Schwarz sind. Anzutreffen sind in diesen Schaukästen der Vergänglichkeit Unterwäsche und Glaskugeln, die an die bevorstehende Weihnacht erinnern, zahlreiche Porzellanfiguren, die unterschiedlichen Manufakturen aus verschiedenen Ländern zugewiesen werden können, wobei auffällig viele Tänzerinnen zu sehen sind, die das labile Gleichgewicht der kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Glasregale unterstreichen. Oder aber es ist die Situation zu sehen, wo der Zusammenbruch bereits stattgefunden hat, wo hinter dem Haufen ein Schaukelstuhl zu erkennen ist, wo der russische Nationaldichter Pushkin gleich dreimal auftritt, und ebenso drei Eichhörnachen zu sehen sind. Sie alle sind verantwortlich für Erinnerungen, sind teils Metaphern, teils Symbole oder bloss Bilder für eine Welt die nur unserer Logik gehorcht, deren Konstruktion wir zwar nicht bestimmen können, die aber unserem Leben den eigentlichen Sinn verleiht. Denn ohne das Erinnern hätten wir keine Vergangenheit und ohne diese keine Gegenwart, geschweige denn eine Zukunft. Kann sein, dass dies zu Schwarz oder Weiss gedacht ist, immerhin ist es fast oder beinahe die Wahrheit.

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