Lex Vögtli

Scope Basel 2009
Text:Simon Baur

Es ist einigermassen bekannt, dass ein Bild mehr ist als seine Einzelteile, dass es mehr ist, als was es darstellt, dass es Geschichten erzählt und Diskussionen generiert, die je nach Konstellation, Zeit und Situation unterschiedlich ausfallen. Es ist bekannt, dass Bilder einen Zeitgeist transportieren, einen bestimmten Zeitabschnitt und damit auch bestimmte Sitten und Bräuche widerspiegeln – nicht nur der Malerei, sondern auch des Lebens und der Gesellschaft.
Die Bilder von Phillip Otto Runge hätten nie im 20. Jahrhundert entstanden sein können, trotz Ende des Symbolismus und des Jugendstils und auch des Surrealismus, so romantisch war dieses Jahrhundert nie eingestellt. Bilder haben eine Macht oder Potenz, indem sie gewollt oder ungewollt zu Zeitzeugen werden und ihr Inhalt nie geleugnet werden kann, es sei denn man schneidet bestimmte Partien aus und ersetzt sie durch andere.
Auch wenn Lex Vögtli in ihren Bildern unterschiedliche Malstile miteinander kombiniert, auch wenn sie einzelne Teile, die aus verschiedenen Jahrhunderten zu stammen scheinen, zu einem harmonischen Bildgefüge zusammenfügt, wenn sie alte Geschichten mit neuen kombiniert, Märchen und Fabeln mit Comix und Filmfragmenten verbindet, so bleibt immer klar, dass die Bilder an der Schwelle zum 21. Jahrhundert entstanden sind. Denn ihr Vokabular weist Elemente auf, die es früher gar nicht gab.
Damit lassen sich die Bilder kunstgeschichtlich einordnen und das ist beruhigend. Denn es bleiben so viele unheimliche Fragen, dass es gut ist wenigstens eine Erkenntnis im Trockenen zu haben.
Das Bilderrätsel, auch (der oder das) Rebus genannt, ist ein grösstenteils aus Zeichnungen bestehendes Rätsel: Eine Reihe von Bildern und Zeichen, deren Wortlaut durch Aneinanderfügung und Abstraktion einen oder mehrere neue Begriffe ergeben, die mit den Bildern in keinem sachlichen Zusammenhang stehen. Dabei kann der Austausch, der Wegfall oder die Hinzufügung einzelner Buchstaben verfügt werden.
Friedrich der Grosse soll Voltaire folgendes Billet geschickt haben:

p ci
------ à ------
venez sans
Voltaire antwortete: G a
Die Auflösung lautet «venez souper à sansouci» (venez sous p a sans sous ci) worauf Voltaire antwortete «j’ai grand appetit» (G grand a petit).
An solche sinnlichen Spielereien erinnern auch die Bilder von Lex Vögtli. Eine Holzleiste, die in einem Holm ausläuft und mit Streifen bemalt ist, auf der linken Seite eine Schere, an der ein Faden hängt, rechts vier Schwämme aufeinander getürmt, daneben eine schwarze Karte mit einem weissen Wolf, der eine weisse Wolke anheult, darüber ein bewölkter Nachthimmel, der aufreisst und den Blick auf ein Firmament frei gibt, an dem pinkfarbene Sterne sichtbar sind. Oder eine herunterhängende Spindel, an deren Faden ein kleiner Spiegel hängt, in dem Dornenranken sichtbar sind, ein hölzernes Steuerrad, der Blick aus einer Öffnung auf eine grüne Bretterwand, davor eine Laubsägearbeit, aneinander gefügte Rorschachtests. Elemente also, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam haben, auch auf den zweiten Blick nicht, erst auf den Allerletzten.
Um zu verstehen, welche Geschichten auf den Bildern erzählt werden, muss man bereit sein, um die Ecke zu denken. Etwas Ähnliches meinte vermutlich Francis Picabia als er den vielzitierten Spruch äusserte: «Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann». Bei Lex Vögtlis Arbeiten muss das Denken nicht nur bereit sein die Richtung zu wechseln, es muss bereit sein einem Faden durch einen Wollknäuel zu folgen, und dies auf die Gefahr hin, dass am Schluss kein Ausgang aus dem Labyrinth sichtbar wird.
Diese vielfachen Ambivalenzen machen diese Werke so beeindruckend. Und wer sich ihnen hingibt, sich auf sie einlässt, wird feststellen, dass ihre Entschlüsselung noch spannender ist als ein Kreuzworträtsel, Sudoku oder ein Kriminalroman, geschweige denn Fernsehen. Glücklicherweise sind die Bilder auf keinen Plakatwänden zu sehen, es würde täglich zu Massenkarambolagen kommen, weil die Autofahrer sich ablenken liessen und hängen Sie diese Bilder ja nie in ihr Schlafzimmer, sie könnten Ärger mit ihrem Partner bekommen und in der Geisterstunde schweissgebadet aus dem Schlaf aufschrecken – so spannend kann Kunst sein. So spannend ist Lex Vögtlis Malerei.

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