Judith Eckert, Netze
Zeichnungen, 21.
Oktober – 4. Dezember 2005
Fast nichts sehen – fast alles sehen
Wer in diesen Tagen die Galerie Karin Sutter betritt, begibt sich in einen Raum der Gegensätze – doch es handelt sich um Gegensätze, die so nahe zusammen kommen wie Tag und Nacht, hell und dunkel, Kunst und Natur oder Sehen und Nicht-Sehen.
Was ist zu sehen? Einerseits Bilder, die eigentlich schmale Bildkästen sind: Auf eine blitzblanke Glasscheibe hat die Künstlerin Judith Eckert in der Natur oder zu Hause Spinnennetze eingefangen, die jetzt auf der Innenseite des Glases kleben. Durch starkes, direkt einfallendes Licht werden die filigranen Linien des Netzes als Schatten auf dem rund 7mm dahinter liegenden weissen Papier sichtbar.
Wie Negativformen zu diesen‚von der Natur gemalten’ Licht-Bildern erscheinen die Zeichnungen auf Papier und Schiefer, die ihrerseits durch den weissen und silbrigschwarzen Malgrund die bipolare Situation wiederholen. Diese Arbeiten – diejenigen auf Schiefer sind mit Wachskreide auf die geschliffenen und geölten Täfelchen gezeichnet – zeigen sphärische Kugelformen, die etwa an (erotische) Haarklumpen, Zellkörper, Planeten oder Vogel- bzw. Spinnennester erinnern. Sie wirken extrem plastisch, wie real und wie etwas, das man zu kennen meint – und doch in diesem Zugleich von Verdichtung und Entladung noch nie wirklich genau so gesehen hat.
An der anderen Seite der Wahrnehmungsskala stehen die Spinnennetz-Hinterglas-Bilder: sie wirken wie nichts, sie lassen nur unter günstigsten Bedingungen ein Schattenbild erkennen – die Grenze zum Fast-Nichts ist beinahe erreicht. Doch ist es beide Mal ein Naturraum, der sich eröffnet: Drei- und Zweidimensionalität changieren, hell und dunkel konvergieren, die realen Netze und die gezeichneten Linien hängen gleichsam in der Luft (wie wirkliche Spinnennetze). Beide Mal sind es die feinen Fäden, die hauchdünnen Linien, die haften bleiben: so wie die Spinnennetze auf dem Glas die zu erkennenden Bilder auf der Netzhaut. Netze von Assoziationen fächern sich wie ein filigranes Rhizom auf, die den Betrachter – wenn er sich darauf einlässt – in ein beinahe unsichtbares, enorm feingliedriges und unendlich poetisches Naturkokon einspinnen.
Wie eine Zusammenfassung des Beschriebenen wirkt das vierte ausgestellte Werk: ein genau diese feingliedrige Poesie verströmendes Leporello mit 5 Heliogravuren worauf Ausschnitte von Spinnennetzen zu sehen sind. Das Karminrot der eingefärbten Netze erinnert an das Blut der Opfer: die Fliegen (mit denen Judith Eckert vor der Arbeit mit Spinnen über zehn Jahre experimentiert hatte); die Fliegen kann man noch teilweise an den Scheiben der Spinnennetz-Bilderkästen als „nature morte“ antreffen.
Thierry Greub, Basel Oktober 2005
