Stephan Spicher. Blossom
Galerie Karin Sutter. 24.10. – 29. 11. 2009
Text: Simon Baur
Wer in diesen Herbstnächten nicht schlafen kann, sei es weil der Wind rau um die Häuser fegt oder der Mond zu kalt in die Räume scheint, mache sich auf und erkundige die nächtlichen Schönheiten der Stadt. Es gibt viel zu sehen und zu hören: ein wandernder Rabe krächzt am schwarzen Himmel, ein Marder huscht unter den Autos hindurch und eine neugierige Katze schlüpft durch ein Gartentor. Ganz vorne in der St. Alban-Vorstadt, gleich bei der Wettsteinbrücke hat es vielleicht noch Licht im Raum der Galerie Karin Sutter und da lohnt es sich hin zu stehen und zu schauen.
Erleuchtete Galerien bei Nacht haben den Vorteil, dass man die Bilder betrachten kann ohne dass sie sich durch unsere Gegenwart stören lassen. Manche sagen Kunst hätte Nachts ein Eigenleben, die Tiere in Franz Marc Bildern würden Laute von sich geben, Rodins Bürger von Calais würden sich etwas entspannen und Holbeins Erasmus würde seinen Stift weglegen. Wer weiss ob was dran ist, kein Mensch konnte bisher diese These widerlegen.
Die Blüten von Stephan Spicher sie blühen in allen Farben und wollen auch in der Dunkelheit nicht welken. Im Gegenteil, vor dem Fenster stehend, hat man den Eindruck man schaue in ein Aquarium, in dem zahlreiche Blüten in den unterschiedlichsten Farben miteinander um die Wette blühen. Doch das ist noch längst nicht alles, denn was in dunkelrot, pink, rosa, olive, gemasert braun und schwarz an der Wand hängst sind nicht einfach Blüten, sie lassen sich botanisch zuordnen: es könnte sich um Pfingstrosen, um Malven oder gefüllte Nelken – und um einzelnes braunes Ahornblatt handeln und dies obwohl nur die Konturen zu sehen sind. Präzise Linien, die mit Farben aufgefüllt wurden – solche Systeme liessen sich bereits in früheren Arbeiten Stephan Spichers beobachten, mit dem Unterschied das die Verhältnisse bei den Blüten präzis aufeinander bezogen sind. Ob Linie oder Farbe jedes Element hat seinen Ort. Und die Verortung ist in einem übertragenden Sinn auch ein Thema, das die Arbeiten suggerieren. Diese scharfen Konturen erinnern an verschiedene Länder und Gebiete, wie wir sie von Landkarten her kennen, an Frankreich, an Afrika oder an den Kanton Bern – ein einzelner Bereich in einem grossen Ganzen, ähnlich der einzelnen Blüte im üppigen Sommerflor. Und damit liesse sich der Faden der offenen Fragen weiter spinnen, liesse sich den Anregungen und Einflüssen nach denken, an Sibylla Merians Blumenbilder oder jene von Ernst Kreidolf, an die surrealen Blüten von Max Ernst, die er im Sommer 1934 an die Wand der Dancing Mascotte im Corso-Theater am Zürcher Bellevue malte, an minimale Konzepte, wie sie Donald Judd betrieben hat, auch er ein Meister der Farbe, mit Pop-Art-Einflüssen, die an Andy Warhol erinnern. Aber auch an die alltäglichen Materialien der Arte Povera, schliesslich sind auch Spichers Blüten gesprayter Autolack auf ausgefrässten Aluplatten, oder an Arbeiten wie sie im Umfeld von radikaler Malerei von Günther Umberg oder Joseph Marioni fabriziert werden.
Auch könnte man sich fragen, ob diese Arbeiten nun Malerei oder Objekte oder gar Reliefs sind, schliesslich möchte man auch nach den ornamentalen Aspekt der Arbeiten herausspüren.
Solche Überlegungen mögen durchaus ihre Berechtigung haben, sie tauchen immer dann auf, wenn KunsthistorikerInnen am Werk sind, und das ist oftmals der Fall.
Entscheidend sind trotz dem Beschriebenen, in erster Linie die Momente die Eindrücke erzeugen. Egal ob man am Schaufenster vorbei geht oder auf dem Fahrrad vorbei fährt, die Blüten haben eine Sogwirkung, man kann sich von ihrer Suggestion nicht lösen, denn sie rufen unweigerlich ohne dies zu wollen Gefühle hervor. Plötzlich ist er wieder da, der Sommer und mit ihm der reiche Sommergarten mit all den blühenden Blumen, das in der Hitze kochende Rheinufer mitsamt den Brombeerranken und in der Böschung die blühenden Malven. Und dies alles zu einer Jahreszeit, in der wir die langen Unterhosen, die warmen Mäntel und die dicken Mützen hervor holen müssen und die von treibenden Blättern und Regenschauern geprägt ist. In der Galerie von Karin Sutter herrscht ein zweiter Sommer, der die Winde vertreiben und den Schnee schmelzen wird. Und wer genau hinhorcht und auch etwas schnuppert, spürt den betörenden Duft den die Blüten verströmen.
Stephan Spicher. BLOSSOM, Malerei auf Papier
Galerie Karin Sutter. 01.09. - 14.10. 2006
Text: Urs Ramseyer
Abschied von der Linie
Wer Stephan Spichers Werk über die vergangenen Jahre hinweg verfolgt hat, kennt diesen Künstler vor allem als Zeichner und Maler der „ETERNAL LINE“, die all seinen Bildern und Ausstellungen Namen und Titel gegeben hat. Die Linie, gezeichnet und gemalt, war sein Weg und Medium, um über das sichtbare Bild hinaus in den unendlichen und nicht-fassbaren Raum vorzustossen, mit der Absicht und dem Ziel, etwas mehr von dem zu verstehen, was wir „Ewigkeit“ nennen.
Nun meldet sich Spicher, dem wir zuletzt bei Trudel Bruckner und vor kurzem noch in der Galerie von Ernst Beyeler begegnet sind, mit einer saftigen Überraschung in der aktuellen lokalen Kunstszene zurück. „BLOSSOM“, heisst seine Ausstellung in der Galerie von Karin Sutter, die uns einen Blick in das neuste Schaffen des international tätigen Basler Künstlers gewährt, und uns eine Auswahl lustvoll und virtuos gemalter Arbeiten auf Papier zeigt, mit denen dieser ein deutliches Statement zur Malerei abgibt und gleichzeitig einen Schritt von der Abstraktion hin zur Figuration wagt. Denn zum ersten Mal in seiner langjährigen Laufbahn benennt er ganz konkret den Gegenstand, der im Zentrum seiner Arbeit steht: „BLOSSOM“, das heisst, „Blüte“, und gibt damit zu erkennen, dass er sich von der mehr oder weniger abstrakten Linie verabschiedet hat und aus der geistigen Unendlichkeit des Raums in die lebendige Erlebniswelt des gemalten Bildes zurückgekehrt ist.
Im Rahmen mehrerer Arbeitsaufenthalte in Südostasien, besonders aber in Bali, hatte sich Spicher, nach intensiver Beobachtung und Wahrnehmung von Bambus, Reisfeldern und Blumen, immer häufiger mit der Linie im Reich der Pflanzen beschäftigt, mit dem Resultat, dass sich seine „ETERNAL LINE“, in einer wundersamen Metamorphose und mit innerer Notwendigkeit, in eine Pflanze zu verwandeln begann, die schliesslich Blüten trieb.
Tanz der Blüten
Stephan Spichers Auseinandersetzung mit dem Wesen und Werden der Blüte entfaltet sich gegenwärtig auf mehreren künstlerischen Ebenen. Bei grösseren Formaten auf Aluminium, seltener auch auf Leinwand, bewegen sich Goldblüten auf einer durchgehend mit Lack bemalten Bildfläche. Mehrere Arbeiten aus dieser Serie waren vor kurzem in Jakarta und in der Ausstellung „Seeds and Blossoms“, in der New National Library in Singapur, zu sehen; eine weitere Ausstellung mit neuen Werken wird anfangs 2007 im Russischen Museum von St. Petersburg gezeigt werden. Im Unterschied zu den Arbeiten auf Aluminium präsentiert die aktuelle Ausstellung bei Karin Sutter Arbeiten auf Papier, die den Bildträger ganz bewusst in seiner Stofflichkeit stehen lassen und ihn in die Bildkomposition mit einbeziehen. Mit seiner Wahl eines weichen, handgeschöpften „Papier de Rives“ (BFK Rive) hat sich der Künstler bewusst für ein Papier von erlesener Qualität entschieden, mit einem gebrochenen Weiss, das eine luftige Frische ausstrahlt und leuchtend durch die Farbpalette der Blüten hindurch schimmert.
Die in einer breiten Gamme von Rot in Aquarell gemalten oder in feinen Schleiern aus Kunstharz gespritzten Blüten erhalten vor ihrem weissen Hintergrund eine tänzerische Anmut, Leichtigkeit und Schnelligkeit, die sie spannungsvoll von der schweren und undurchdringlichen Basis der rotbraunen Lackflecken abhebt. Der Künstler baut also ganz bewusst ein vielfältiges Spannungs- und Beziehungsfeld auf, das einerseits durch das weisse, handgeschöpfte Papier und, zum anderen, durch die klare Polarität zwischen dem glänzenden Industrielack und den zarten und fragilen Blütenformen bestimmt wird. Dieses Spannungsfeld verleiht den Bildern der Ausstellung Lebendigkeit und Ausdruckskraft.
Der dick und fest geformte Lackfleck bildet dabei eine Art Gravitationspunkt, der den Tanz der schwebenden Blüten auf sich bezieht und bindet. Mit seiner Farbe, einem Oxyd-Rot in verschiedenen Variationen, erinnert er an getrocknetes Blut oder eisenhaltige Erde und spielt damit an die langjährige Auseinandersetzung des Künstlers mit Ideen und Schöpfungsprozessen der Alchemie an. Tatsächlich steht der rotbraune Industrielack in diesen Arbeiten für die erdhafte Basis, beziehungsweise die irdene Substanz, aus der sich die Blüten mit ihrem farbigen Tanz lösen und immer mehr verselbständigen. Mit seiner breiten Palette von selbst gemischten Rottönen, die sich zwischen warmem Scarlatto, Zinnober und Orange, und kühlerem Rosa und Violett bewegen, saugt Spicher seine Blüten förmlich aus ihrer Materialität heraus in die Immaterialität, und verleiht ihnen gleichzeitig eine geheimnisvolle und letztlich nicht-fassbare Farbigkeit, wie sie in natura vielen Blüten eigen ist.
Goldblüten aus dem All
Während sich der Tanz der Blüten ganz im Rahmen des Bildes entfaltet und mehr oder weniger erdbezogen bleibt, schweben immer wieder einzelne Goldblüten, wie stellare Körper, durch den Bildraum. Ihr Ursprung ist das nicht-fassbare All und ihr Element ist die Luft. Sie kommen aus dem Himmel und kehren in den Himmel zurück. Mit seinen Blüten aus Blattgold knüpft Spicher einerseits an die alte mittelalterliche Tradition der Goldmalerei eines Cimabue an, der den Himmelsraum in Gold malte. Als Kenner asiatischer Kunst weiss der Künstler aber auch, dass sein Thema universal ist und dass im Buddhismus und Taoismus die Goldene Blüte für Reinheit, Weisheit und höchste Spiritualität steht.