Leonard Bullock


Too poor to paint, but too proud to whitewash
05.09. - 11. 10. 2006

Obwohl Leonard Bullock Maler ist, stellt sich beim Betrachten der Bilder die Frage, ob es sich bei der angewendeten Disziplin um Malerei handelt oder ob man diese Art von Kunst eher als die eines Diaristen, eines Tagebuchschreibers, bezeichnen sollte. Der wohl bekannteste Diarist des 20. Jahrhunderts war der Diplomat und Kunstmäzen Harry Graf Kessler (1868-1937), der auf tausenden von Seiten seine Begegnungen mit Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern minutiös festgehalten hat. Leonard Bullock (*1956) leistet in seinen Arbeiten einen ähnlichen Aufwand, indem er Buch über die Entwicklung der Malerei, auch seiner eigenen, führt und gleichzeitig die Kunst als eine konzeptionelle versteht, die es ihm erlaubt verschiedene Techniken und Methoden zu kombinieren, ohne dass der eigentliche Bildkörper dabei auseinander fallen würde.

Doch verifizieren wir obenstehende Behauptung an den Arbeiten selbst. Leonard Bullock bezeichnet sie selbst als Prints and Paintings, ein Hinweis darauf, dass auch er sie als Hybrid sieht. Sie sind «sowohl als auch», mitsamt den Möglichkeiten «dazwischen». Auf die ganz unterschiedlichen Trägermaterialien malt, zeichnet und druckt er. Einmal ist es ein Gemälde, ein andermal eine Serigraphie oder eine Art Collage bestehend aus einer bemalten Scheibenform gestützt von einem Notizzettel innerhalb eines silbrigen Rahmens. Auch wenn es sich um ein gemaltes Bild- er verwendet vor allem Öl- oder Siebdruckfarbe, doch auch Enkaustik und Spray, so dekliniert er mit Rakel, Spachtel und Pinsel die ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, die Malerei bietet. Dabei wird die Fläche im selben Bild partiell mit Farbe versiegelt, aufgebrochen, lasiert, erodiert, kontaminiert und aufgefächert.

Die Behauptung es handle sich bei Leonard Bullock um einen Diaristen der Malerei erweist sich vielleicht als kühn, sie hat aber ihre Berechtigung. Denn er notiert auf seinen Bildern Möglichkeiten, welche die Inspiration bereithält, sowie Ereignisse, Erfahrungen und Eindrücke, welche sich während der Entstehungsprozesse einstellen. Die Bilder sind damit das Beschriebene und die Beschreibung in einem. Ein erster Schritt in Richtung Verzerrung. Doch es stellt sich noch ein weiterer ein.

Indem Leonard Bullock diese Flächen mit Serigraphien unterlegt, deren Motive er als Skizzen einscannte und während diesem Prozess den Träger auf dem Scanner langsam bewegte, was erneut zu einer Variation führt, erreicht er eine Verfremdung und auch Verzerrung der Motive und in einem weiteren Schritt auch der verwendeten Materialien. Wobei dieser weitere Schritt zwar eine Absurdität formuliert, was aber durchaus zum Konzept der von Leonard Bullock angestrebten Verzerrung passt. Die Motive erscheinen auf den Trägern oder im Bildgefüge derart heterogen und unharmonisch, dass es ihnen gelingt die Augen zu irritieren. Immer wieder suchen sie einen Einstieg im Bild zu finden, immer wieder scheitern sie an ungewohnten Formulierungen. Dieses neuartige, aber auch ungewohnte Seherlebnis wirkt sich auch auf den Makrokosmos der verwendeten Materialien aus. Zerlegen wir diesen in seine Einzelteile, so kommt uns alles bekannt vor. Betrachten wir die Bilder hingegen als Ganzes, verlieren wir beständig den Überblick, so wie wir es beim Allover von Jackson Pollock kennen.

Erwünscht wäre daher ein Sehen, dass der Sicht eines Vogels ähnlich ist, der aus schwindelerregender Höhe gleichzeitig die gesamte Szenerie, aber auch jede Einzelheit im Blick hat. Ein verzerrter Blick sozusagen, denn nur dieser hilft die Verzerrungen in Leonard Bullocks Bildern ihrerseits aufzulösen, vielleicht auch aufzuheben und damit sichtbar zu machen.


Simon Baur

galerie/contemporary art/basel/karin sutter