Nave.
Galerie Karin Sutter. 03.03. - 25.04. 2009Text: Simon Baur
Ein Schiff oder Nachen, Sei gegrüsst, Lebe wohl, die Partnerin Adams, eine Präposition, die chemische Abkürzung für Natrium, schliesslich ein Punkt, all dies ist im fünfstelligen Ausstellungstitel von Ruth Berger enthalten. Ein eigener Kosmos, indem zahlreiche ihrer Themenbereiche von den Anfängen bis heute gespeichert sind, ein Titel der von den jüngsten Arbeiten inspiriert, der aber nicht Bestandteil eines Konzepts ist, sondern von Innen kommt, sowie die meisten ihrer Arbeiten. Schiffe, Wasser und Blicke ins Universum sind die Themen, real in den Arbeiten zu sehen, verbunden mit gedanklichen Prozessen, mit gefühlten Erlebnissen, unerklärbar und auch abstrakt.
Genua eine chinesische Hafenstadt, das wäre der Anfang einer wunderbaren Geschichte, Chinesisch als Ausdruck von Ruth Bergers Genueser Elegien, dort wo Schiffe auslaufen und gelöscht werden, wo Chinesen ihre Zelte aufschlagen, ihre Läden gründen und aus Zeitungen lesen, deren Zeichen zwar elegant, aber dem Normalbürger der ligurischen Küste unverständlich sind. Aus ihnen faltet sie Schiffe, setzt sie mit ölfarbenen Farbtupfern aufs papierene Wasser, gruppiert sie zu Flottenverbänden, zu Ornamenten, die ihrerseits grosse Schiffe simulieren, sowie wenn ein Starenschwarm in einer organischen Formation schwimmt.
Einzelne Schiffe, weit auf dem Meer gesehen, fotografisch festgehalten und diese Eindrücke in den Bildern bearbeitet. Ein Farborkan, wie wenn die Steamer auf Turners Bildern durch ein Gemenge von Regen und Kohlerauch manövrieren. Eine vertraute Stimmung, die so schnell ins Unheimliche kippt, wie sie vor siebzig Jahren in Marcel Carnés Film «Quai des Brumes» gezeigt wurde, und wo man unentwegt im Hintergrund das Nebelhorn vernimmt.
Graphitschiffe, wie schwere Schlachtpferde auf hoher See schlingernd, kalfatert in öligen Farben, scheinen sie auf Halligen aufgelaufen, gestrandet, ihrem Zweck enthoben, vielleicht einer unerkennbaren Eingebung folgend. Und dies inmitten einer glatten See, gebildet aus uralten Japanpapieren, die vermutlich aus einer längst ausgestorbenen Kaiserdynastie stammen. Wo ist oben, wo unten, wo vorne und hinten, ist dies in der Unendlichkeit der Meere noch entscheidend, wo Anfang und Ende miteinander in der Zeitlosigkeit verschmelzen.
Schiffe in Genua, Abfahrt und Ankunft, Schiffe in Lampedusa, die den sicheren Häfen nie erreichen, irgendwo dazwischen kentern, in jedem Fall aber ihre eigenen Geschichten erzählen, ihre eigenen Schicksale enthalten. Wasserfläche, unendliche Wasserwüsten, die den Sinn für die Sinnlosigkeit vergessen lassen – über alle dem der Blick in die Unendlichkeit, wo in klaren Nächten Krebs und Wassermann, auch Drachen und Zwillinge die letzten Hoffnungsträger sind, die man in den Tiefen der Meere zwar spürt, aber nie sehen möchte. Auf marmorierten Papieren, an alte Tapetenmuster und Bucheinbände erinnernd, fahren kleine papierene Schiffe, so als sei die Erde nach wie vor eine Scheibe mit endlichen Rändern. Und Schiffe auch, die aufbrechen zu unbestimmten Ufern, Luftschiffe, die wie Wolken oder fliegende Fische, mitsamt ihren winderprobten Steuerleuten, nicht nur die Milchstrasse befahren, sondern zwischen Sternbildern, Kometen und Satteliten sich einen Weg Richtung Mond und Sonne bahnen.
All diese Eindrücke gehören zu den Geschichten, die Ruth Berger uns wissentlich oder unbewusst erzählt. Und auch wenn der direkte Bezug nicht erkennbar sein muss und sich nur Eingeweihten auftut, so ist in ihnen doch Unendlichkeit eingeschrieben. Oder anders ausgedrückt, wo das Denken aufhört und wo die Kunst beginnt, auf diesen schmalen Graden bewegen sich ihre Arbeiten. Ohne Ufer, ohne Frage und Antwort, doch mit Freiheiten ausgestattet, wie sie auf dem Festland nicht zu finden sind, nur in den Weiten der himmlischen und der terrestrischen Meere.
Simon Baur
Universum
Aquarelle, Zeichnungen und Fotos
12.05. – 03. 06. 2006
Text: Heinz Stahlhut
Für die Ausstellung bei Karin Sutter hat Ruth Berger aus ihrem vielseitigen Schaffen, das Photographie, Aquarell und Zeichnung gleichermassen und gleichrangig umfasst, drei Werkgruppen zusammengestellt. Der Titel Universum deutet an, dass hier nichts Geringeres unternommen wird, als – so zumindest begriff es noch Alexander von Humboldt (1769–1859) in seinem zwischen 1845 und 1862 erschienenen und jüngst wieder zu Ehren gekommenen Hauptwerk, dem Kosmos – die physische Welt „von den fernsten Nebelflecken und kreisenden Doppelsternen bis hin zu den kleinsten Organismen der tierischen Schöpfung im Meer und Land und zu den zarten Pflanzenkeimen, welche die nackte Felsklippe am Abhang eisiger Berggipfel bekleiden…”, abzubilden.Dem kritischen Betrachter wird sich da sogleich die Frage aufdrängen, ob sich dieser Anspruch denn heute überhaupt noch einlösen liesse, gilt doch gerade von Humboldt als der letzte Vertreter eines Zeitalter, das meinte, die gesamte Welt in einem grossen geschlossenen Bild zur Anschauung bringen zu können – eben das Moment der Ordnung und Geschlossenheit beinhaltet der Begriff Kosmos nämlich auch.Bergers Universum hingegen scheint an einem früheren Punkt anzusetzen, als die Schöpfung noch nicht bestimmt und klassifiziert ist. In den Photographien, Aquarellen und Zeichnungen begegnet der Betrachter biomorphen Formen, deren Zugehörigkeit zu Fauna oder Flora, zum Makro- oder Mikroskopischen weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick genau zu bestimmen ist: Die fünffingrige Form auf einem der grösseren, hochformatigen Aquarelle könnte ebenso ein Fragment eines Kleinstlebewesens wie ein Teil einer jener Farne sein, die man in einer der Photographien zu erkennen glaubt. In einer weiteren Photographie wiederum gemahnt eine scharf gezahnte Kante sowohl an die Ränder einer kleinen, darum aber nicht weniger tödlichen, Fleisch fressenden Pflanze als auch an das ebenso todbringende Gebiss eines Raubfisches. Und die hauchfeinen Lineamente der Strukturen auf den silbrigen Feldern des chinesischen Papiers heben sich im frontalen Licht denn auch gleichermassen als getrocknete, filigrane Korbblüten und als Sternenfelder vom nachtschwarzen Grund ab.So halten Fragmentierung und Vereinzelung die Motive auf Bergers Blättern zwar hinsichtlich der Bedeutung in der Schwebe, das Weiss (oder seltener Schwarz) des Grundes und die Buntfarbe aber bilden für sie eine kräftigende Nährlösung, die sie über ihre schiere Erscheinung hinauswachsen lassen: So ist die schon beschriebene fünffingrige Figur durch die länglichen Einziehungen an ihrer linken Seite, deren Scheitelpunkte durch die Intensivierung der Farbe noch hervorgehoben sind, mit dem Blatt verwachsen; Aussen und Innen, Figur und Grund sind unauflöslich miteinander verschmolzen. Ebenso sind die feinen Zeichnungen auf Silbergrund zwar eigentlich in das Trägermedium hingeritzt, scheinen aber zugleich in der schon beschriebenen Weise darüber zu schweben.Vielleicht also hat Ruth Berger in ihrer Botanisiertrommel nicht nur Fragmente aus Flora und Fauna gesammelt, sondern hat – durchaus in den Fusstapfen von Philipp Otto Runge (nicht zufällig ein Zeitgenosse Alexander von Humboldts) und Henri Matisse – ein Universum ihrer malerischen und zeichnerischen Möglichkeiten vor unserem staunenden Auge ausgebreitet.Heinz Stahlhut