ALBENA MIHAYLOVA, 31524 - 70
Galerie Karin Sutter. 25.05. - 09.07. 2007
Text: Simon Baur
Das Wort Blüten verbindet der Normalsterbliche mit Frühling, mit Blumen und vielleicht noch mit Bienen, also mit angenehmen Dingen. Bankangestellte befällt bei diesem Wort ein Frösteln und sie blicken noch etwas genauer auf die ihnen anvertrauten Geldscheine. Albena Mihaylovas Geldscheine sind keine Blüten, sie sind nicht gefälscht, weder kopiert noch gewaschen. Sie sind Teil ihrer Arbeit NotaNova. Das klingt nach Atlantis, nach einer utopischen Stadt und mit Utopie hat diese Arbeit zu tun, denn sie propagiert die Fortsetzung des Personenkults auf den Schweizer Geldscheinen. Die Schweizerische National Bank sieht das etwas anders, die Portraits von Ramuz, Le Corbusier, Jacob Burckhardt, Honegger, Sophie Taeuber und Alberto Giacometti repräsentierten einen rückwärts gewandten Blick und sollten ab 2010 durch die sechs Themen Dialog, Fortschritt, Menschlichkeit, Erlebnis, Kreativität und Organisation ersetzt werden und so eine weltoffene Schweiz präsentieren. Die weltoffene Schweiz lässt sich also nicht lumpen, obwohl sie einfach der EU beitreten könnte und dann automatisch und beinahe kostenlos zu neuen Geldscheinen käme, lässt sie sich die regelmässig wiederkehrende Auswechslung dieser nationalen Papierflut einiges kosten, um sich nicht plötzlich mit einer internationalen Blütenpracht konfrontiert zu sehen. Albena Mihaylova postuliert demgegenüber eine subjektive, persönliche Geldkultur, indem sie ihre Freunde und Verwandten mit deren persönlichen Attributen auf den Geldscheinen festhält. Damit schafft sie eine ausser gewöhnliche Identifikation mit einem lapidaren Stück Papier und postuliert eine politisch höchst brisante Perspektive. Wenn jeder sich sein eigenes Geld drucken würde, um damit zu zahlen, wäre dies das Ende des Bankenplatz Schweiz, aber auch, durch den mangelnden Zusammenhalt, dasjenige der Confoederatio Helvetica. Spätestens ab dann würden sich in diesem Land, über die eine oder andere Blüte in seinem Tresor höchst erfreut zeigen.
Statement Albena Mihaylova
Man hat es, spricht aber nicht davon, man braucht es, Verwaltungsräte und Manager bekommen zu viel davon, kein Wahlkampf funktioniert ohne es, dort ist es aber verpönt, glücklich sind wir, wenn Ende des Monats genug auf dem Konto ist. Richtig erraten: es geht um das liebe Geld, dabei ist es weder lieb, so wenig wie es schmutzig oder sauber ist und auch nicht gewaschen werden kann. Letztlich ist Geld ja nur ein beschriebenes Stück Papier, so wie dieses auf dem Sie den Text lesen, auf diesem hier fehlt bloss der Kopf von Giacometti und ergo können Sie damit auch nicht Ihre Einkäufe bezahlen – doch vielleicht werden Sie von seinem Inhalt satt oder haben ihn bald satt, je nach Ihrem Geschmack. Doch zurück zum Geld. Bereits ist wieder eine neue Generation am Entstehen: Ab dem Jahr 2010 kommt es in den Umlauf. Auf Portraits wolle man verzichten, da dies stets mit einem rückwärts gewandten Blick verbunden sei, erklärte der Vizepräsident der Schweizerischen National Bank (SNB) auf Anfrage. Künstler leiden chronisch unter Geldmangel, um ihre Projekte zu realisieren und so erstaunt es nicht, dass Albena Mihaylova, als sie 2005 eine entsprechende Zeitungsnotiz der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) entdeckte, daraus eine Arbeit entwickelte. „NotaNova“ klingt wie eine ideale Stadt, und wie bei dieser hat ihr Projekt durchaus mit Utopie zu tun. Sie hat die originalen Geldscheine bearbeitet, die Portraits von Giacometti, Sophie Taeuber, Ramuz, Honegger, Le Corbusier und Jacob Burckhardt durch solche von Verwandten und Freunden ersetzt und als Inkjetprints auf Leinwand gedruckt. Der Wert der Noten wurde durch das Alter der abgebildeten Person oder eine symptomatische Zahl, das Erkennungszeichen für Sehbehinderte durch ein für die Person typisches Symbol ersetzt. Ihre Mutter erhielt die Zahl 79 und eine Sanduhr, ihr Partner die Binarzahl 1024, eine Videokamera, sowie ein Teppichmuster, in der rechten oberen Ecke, eine geheime Liebeserklärung an Reinhard Manz, aber auch an Sigmar Polkes Bild „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“. Und dann ist da auch noch eine Geldmaschine zu sehen. Ein alter Coiffeurstuhl, den man mittels einer Hydraulik in seinen Höhen verstellen kann, entsprechend den Geldwerten gibt es sechs Möglichkeiten. Die Besucher die auf dem Stuhl sitzen, werden zu festgelegten Zeiten* fotografiert, es entsteht ein persönlicher Geldschein im „alten Stil“ mit einem menschlichen Abbild und ohne dass einem ein metaphysisches Gruseln erfasst, so wie das Mani Matter im Coiffeurstuhl erlebt hat.
Vielschichtig analysiert Albena Mihaylova die Produktion und den Vertrieb von Geldscheinen. Sie reflektiert in ihren Arbeiten über deren Wert, Verwendung und Nutzen und kritisiert nicht nur deren Kurzlebigkeit, die aufzeigt, dass es sich unser Land finanziell leisten kann alle paar Jahre seine Geldscheine auszuwechseln – denn Geld zu produzieren ist keine günstige Angelegenheit. Sie tut dies mit Identifikation, mit Engagement, aber auch mit Humor. Ob sie damit reich wird, ist sekundär, es geht ihr um die Diskussion, die sie damit auslöst, eine die, in Zeiten wo verstärkt über sozial Benachteiligte und Grundeinkommen diskutiert wird, durchaus ihre Bedeutung und ihre Wichtigkeit hat.
Übrigens der Titel der Ausstellung 31524-70 bezieht sich auf ein für die Ausstellung gegründetes Bankkonto. Die entsprechende Bank hat eine Unterstützung der Ausstellung abgelehnt, nichts desto trotz freuen sich die Künstlerin und die Galeristin über zahlreiche Bildaufträge, die das Bankkonto entsprechend anschwellen lässt!
*Freitag 25. Mai 2007, 17–19.30 Uhr
Die Künstlerin wird in der Galerie ‘Geld nach Wunsch und auf Bestellung’kreieren:
Freitag, 1. und 8. Juni, 6. Juli 16.30–18.30
Samstag, 2. und 9. Juni, 7. Juli 14–16
Art Basel: 13. Juni 17–19 und 16. Juni 10–15 Uhr
Opening reception on Friday, May 25, 5–7.30pm‘Bank notes’ on order will be created at the gallery bythe artist at:Friday, June 1 and 8, July 6, 4.30–6.30pmSaturday, June 2 and 9, 2–4pm
During the Art Basel: Friday June 13, 5–7pm,Saturday June 14, 10am–3pm