ESTHER ERNST "ich will immer alles zuviel erzählen"



Mein erster Blick auf die Zeichnungen von Esther Ernst ging durch das Schaufenster der Galerie Karin Sutter. Dieser Versuch erinnerte mich an meinen Vater, der ein begeisterter Aviatikfreund war; weil wir in der Abflugschneise des Flughafens Basel-Mulhouse wohnten, rannte er bei jedem Mittagsessen mindestens dreimal mit dem Feldstecher in der Hand in den Garten um das Flugzeug dessen Motorengeräusche nicht nach DC-9 klang, zu beobachten. Er kannte auch den Flugkorridor der übers Maggiatal führte, buchte sich einen Fensterplatz und verfolgte, sobald das Flugzeug das Tal überflog mit seinen Augen die entsprechenden Wanderwege, Gässchen und Strassen, um schliesslich den Garten seines Ferienhauses zu erkennen, weil ihn interessierte, ob sich jemand in seinem Garten aufhielt. Ähnlich ergeht es mir bei den Zeichnungen von Esther Ernst, sie erinnern mich an Situationen aus der Vogelschau, an Strassenlabyrinthe von Städten, an geologische Verwerfungen, an Bilder der Erde aus dem All. Jedes Blatt ist ein eigenständiger Mikrokosmos aus unterschiedlichen Linien, aus bunten Mustern und Textfragmenten, jedes Element mit verschiedenen Bedeutungen aufgeladen, die sich nicht ohne weiteres entschlüsseln lassen. Auch nicht müssen, denn diese Elemente leben aus dem Wechselspiel, aus dem Dialog miteinander. Natürlich haben sie ihr Eigenleben, doch sie entfalten es erst in der Beziehung zueinander: Die fellartige Schraffur sitzt neben der Spargel und diese wiederum neben einem bunten Stoffmuster. Die Schellen haben sich zwar vom Herzbuben entfernt, doch erst in der Kombination mit den Sennen, Kühen und den Weidenkätzchen wird das bayrische Etablissement für horizontale Angelegenheiten verständlich. Was mein Vater aus dem Bullauge des Flugzeugs sehen konnte, erkannte ich durch das Schaufenster keineswegs und fühlte mich wie ein Fisch, der nichts ins Aquarium darf. Drinnen angekommen dagegen, konnte ich in diese variablen Welten eintauchen und wie ein Karpfen den schlammigen Boden nach wohlriechenden Kräutern und Seegräsern absuchen und mich an den zahlreichen Entdeckungen erfreuen. Wenn ich die Arbeiten «Atlas» und «Sammlung Kerbs» betrachte, so erstaunt es nicht, dass die Künstlerin an eine Enzyklopädistin erinnert – der 35. Band der bekannten «Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers» wurde vor exakt 230 Jahren fertig gestellt – die ihre verschiedenen Sammlungen fein säuberlich in einzelne Kapitel gliedert und diese entsprechend verwaltet. Diese Ordnungsprinzipien könnten auf eine gewisse Pedanterie verweisen, der Esther Ernst mit Bravour aus dem Weg geht, indem sie in ihren gross- und kleinformatigen Zeichnungen zahlreiche Leeräume bereithält, die es den Gedanken ermöglichen, innerhalb der Zeichnungen unterschiedliche Richtungen einzuschlagen. Diese Möglichkeit wird nicht nur durch die heterogene Struktur der Bildinhalte und der verwendeten Mittel ermöglicht, sondern ebenso durch ein Gefühl des Unvollendeten. Man könnte auch daran denken, diese Zeichnungen seien collagierte Reste eines Atelierbrandes oder zusammengefügte Elemente aus verschiedene Schaffensphasen: eine Art kollektives Gedächtnis. «Ich will immer gleich alles zuviel erzählen» nennt Esther Ernst ihre Ausstellung, ein ähnlich verwirrender wie vieldeutiger Titel wie «Atlas» oder «Bayrisches Fotzenpuff». Will sie alles oder zuviel erzählen? Und wie wäre alles zuviel? Ist sie eine Wiederholungstäterin und wenn ja wie gefährlich? Die Zeichnungen könnten also durchaus abgewandelte Fallenbilder sein, Spiegelkabinettserinnerungen auslösend, wie sie weltoffene Zeitgenossen im Coiffeurgestühl überfallen und ein metaphysisches Gruseln auslösen. All dies ist in diesen akribisch konstruierten Organismen enthalten. Derweil ich an die spielerische Spurensuche meines Vaters denken muss, die in der Retrospektive einen Anstrich von Erhabenheit erhält, ein himmlisches Vergnügen im wörtlichen Sinn, und die in einigen Jahren, sollten Weltraumflüge tatsächlich alltäglich werden, nicht einmal mehr utopisch sind. Insofern sind Esther Ernsts Zeichnungen auch visionäre Konglomerate, wer weiss, ob es nicht auf einer der zahlreichen die Erde umrundenden Sonnen ähnlich ausschaut.

Simon Baur, Frühling 2010.

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