Carsten Kaufhold’s Himmelblau


Galerie Karin Sutter, 06.02. - 13. 02. 2010

Nein, das ist keine Fotografie, auch kein Fotorealismus, das ist Malerei. Das hat mit der naturalistischen Akribie von Franz Gertschs Wäldern und Menschen ebenso wenig zu tun, wie mit dem Zelebrieren der Abwesenheit in den Werken von Edward Hopper oder mit den collagierten Computersimulationen von Monica Studer und Christoph van den Berg. Carsten Kaufholds Bilder erinnern höchstens an die Pool-Darstellungen von David Hockney und auch dies nur aus einem Grund: dem Licht. Ein scharfes, schmerzhaftes Mittagslicht im Sommer, kein provenzalisches, auch kein piemontesisches, vielleicht eines an einer Strassenkreuzung in Pankow oder Brüttisellen. Ein Licht, das wie das bekannteste, in Tee getauchte, Madeleine der europäischen Literatur wirkt, das die Fähigkeit hat, die Erinnerung an längst vergangene Zeiten und Situationen aufzurufen. Ein Licht, das wie ein Geistesblitz wirkt oder sich ins Hirn einbrennt und selbst abgeklärte Migränekandidaten veranlasst in der Ausstellung die Sonnenbrille aufzusetzen.

Und doch sind die bisher gemachten Aussagen nur die halbe Wahrheit, denn über die Wirkung dieses Lichtes lassen sich auch noch andere Aussagen machen. Dieses mittägliche Licht wirft lange abendliche Schatten und leuchtet gleichzeitig Ecken und Kanten aus, wie es ein abendliches Licht nie könnte, da es sich durch seinen schrägen Einfall verhaltener und obskurer über die Gegenstände legt.
Und in diesem Zusammenhang zeigen sich noch weitere Auffälligkeiten in den Bildern von Carsten Kaufhold: Telefonleitungen die abrupt enden und anderswo weitergehen. Vom Wind gekrümmte Bäume auf der einen Strassenseite, während sie auf der andern Seite ganz ruhig stehen. Angestrahlte Büsche, während die Hausfassaden, die unmittelbar daran anschliessen, in tiefem Schatten liegen oder Balkone, die von Plattenbauten entfernt und an klassizistische Gebäude so angebracht wurden, dass sie wie ein schreiender Anachronismus wirken, und schliesslich ein Himmel der sich so hellblau in die Architektur einfügt, dass man davon ausgehen muss, dass er gemalt ist. Und damit haben wir die ungepflegten Fahrbahnen der Vorstädte verlassen und sind auf eine Hauptverkehrsachse in Richtung Innenstadt eingebogen, wobei den Ortsfremden noch rasch verraten sei, dass nur in der Schweiz die Vorstädte mitten im Zentrum liegen. Dafür haben in unseren Vorstädten so bekannte Grössen wie Jacob Burckhardt, Hermann Hesse und Friedrich Dürrenmatt gewohnt.

Ein gemalter Himmel – auch die Bäume, die Personenwagen, die Mauern, selbst die Schatten und das Licht – sie sind alle gemalt. Denn was Kaufhold in seinen Bildern zeigt, kann nur Malerei leisten, so präzise und ungenau zugleich sein, vieles perfekt darzustellen und genauso vieles wieder zu verwischen, eine Stimmung zu erzeugen und diese gleichzeitig zu zerstören und damit das Auge dermassen zu irritieren, das es sich von Augenblick zu Augenblick unbeholfener fühlt. Das versuchen die obengenannten Künstler auf keinen Fall, das erinnert vielmehr an die surreale Technik von René Magritte, der uns mit seinen Bildern einer Pfeife oder eines Apfels weismachen wollte, es handle sich nicht um ihre mimetische Darstellung. Im übertragenen Sinne erinnert Carsten Kaufholds Technik auch an Magrittes Bild »le Blanc-seing, die Blankovollmacht«. Das Bild zeigt eine Reiterin im Wald, wobei die Sicht auf sie unterbrochen ist: sie und ihr Pferd verschwinden teilweise vor, teilweise hinter den Baumstämmen und funktionieren damit wie ein Vexierbild, in dem die vorderen und die hinteren Ebenen vor und zurück springen und damit unterschiedliche Bilder zeigen. Solche unterschiedlichen Bildvorstellungen in einem einzigen Bild unterzubringen, kann nur Malerei leisten. Und diese beherrscht Kaufhold derart meisterlich, dass wir auf den ersten Blick an alles andere als an Malerei denken. Er zelebriert die Irritation des Auges und die Betrachter nehmen seinen losgetretenen Ball auf und zelebrieren die Irritation des Geistes. Vielleicht der erste Schritt zum Wahnsinn, doch wäre dies neben Abgründen wie Finanzkrise, Datenklau und Klimaerwärmung wenigstens ein Lichtblick am knallig blau – gemalten – Firmament. Simon Baur

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