Regula Abraham. Sondagen, Objekte
07.04. – 06. 05. 2006
Text: Simon Baur
Die Sondage ist auch ein archäologischer Terminus und bezeichnet eine Probegrabung beziehungsweise eine Recherche, um einer zu suchenden Sache näher auf den Grund zu gehen. Die Sondage verfolgt offensichtlich den Zweck der Erforschung eines vergangenen Ereignisses und ein solches steht im Zentrum der künstlerischen Arbeit Regula Abrahams. Am Anfang war und ist das Wort, oder ein Begriff, der sie lockte und dem sie auf einer gedanklichen und sprachlichen Ebene nachspürt und fühlt. Nicht selten sind es literarische Vorlagen, die als eine Art Reaktion zu einer Objekt-Gestaltung transformiert werden. Das Beschriebene ist Teil eines Prozesses der sich in den unterschiedlichen Sedimenten abspielt und der dem eigentlichen Objekt oder Fundstück nicht eigentlich anzusehen ist.
Die aus diesem Vorgehen resultierenden Arbeiten, deren Entstehung die beiden letzten Jahre umfassen, verwenden primäre Materialien wie Papier, Gips, Blei, Farbe und Text. Dabei beweist die Künstlerin welches Potential sie nach wie vor enthalten. «Rotsondagen» bestehen aus 16 Farbstiftzeichnungen in Frottagetechnik im Format A3, die zu einem roten Band aufgereiht sind. Daneben steht ein Farbpigmentstab auf dem Heiner Müllers Elektratext aufgedruckt wurde. Ob eine Parallele der verwendeten Farbe zum schonungslosen Text Müllers besteht, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Vielmehr geht es um die Aufnahme und Übertragung einer Stimmung, die sich zu einem Bild verdichtet. Bei der ebenfalls zweiteiligen Arbeit «Eroberungen» stehen sieben Buchobjekte auf einem hochbeinigen Metallgestell. Die einzelnen Seiten wurden zusammengeknüllt, was die Herausbildung einer unbefleckten Topographie zur Folge hat. Den Erhebungen und Senkungen wurde nachgezeichnet: die Netze die entstanden sind, erinnern an eine Landkarte, ein Element das im zweiten Teil der Arbeit genauer ausformuliert wird. In einem Scheidetrichter findet sich Sandkörner und Stecknadeln, daran festgemacht Papierstreifen auf denen einzelne Orte geschrieben stehen. Auf einer Schieferplatte werden die unterschiedlichen Ortsnamen durch deren sprachgeschichtliche Entstehung und Verwandtschaft mit alttestamentarischen Personen in Verbindung gebracht. «Blendung» schliesslich zeigt acht transparente Zeichnungen in einer Hülle aus Walzblei. Die Titel sind jeweils integrative Bestandteile der einzelnen Arbeiten. Während Eroberung eher als Anspielung oder Erläuterung zu verstehen ist, erfährt Blendung durch die Arbeit selbst einen Widerspruch. Blendung kann sowohl einen visuellen Effekt beschreiben, es bezeichnet aber auch Schönheit oder eine Täuschung und den gewaltsamen physischen Eingriff, wenn jemandem das Augenlicht genommen wird. Das Blei (bleierne Müdigkeit) und die transparenten Zeichnungen sind für die Formulierung dieses Widerspruchs verantwortlich. Solche Überlegungen sind Bestandteile der Arbeiten von Regula Abraham. Sie sind zwar selbst-referentiell, wollen aber immer auch über sich selbst hinauswachsen, indem sie sich nach und nach vielschichtiger gebärden, als was ihr erster Eindruck impliziert. Zwar war am Anfang das Wort, daraus resultieren Sätze, Verständnisfragen, Objekte und schliesslich Gespräche. Mit Floskeln und sinnleeren Sprüchen lässt sich eine solche Arbeit nicht abtun, sie fordert einen anspruchsvollen Dialog geradezu heraus.